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an gleis 9 (ein bericht) |
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Regionalbahn an Gleis 9 in Gemünden/Main, 23.4.2003
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dieser tage beabsichtigte ich die bahn zu nutzen um das liegengebliebene
und nun wiederbelebte automobil meiner gattin heim zu holen. kein
problem, zwischen frankfurt/hanau und würzburg gibt es regen
regionalexpress und -bahntaktverkehr. die online-anfrage bei bahnauskunft.de
ergab, daß ich um 9:48 des folgenden tages mit einem "directo"
die strecke lohr - thüngersheim ohne umsteigen bewältigen
konnte.
am nächsten morgen lief ich frohgemut und zeitgedrückt,
das frühaufstehen war noch nie eine meiner stärken, den
berg hinab gen lohr bahnhof. mein fußweg sollte mich auf dem
letzten stück entlang der bahngeleise führen, prima, vielleicht
fährt ja was vorbei. tatsächlich, gerade hatte ich den schienenstrang
erreicht, kündigte das singen der schienen einen zug aus dem
spessart an: ein wendezug, reinrassig gebildet aus türkis/lichtgrauen
ex-silberlingen, geschoben von einer 143 im reichsbahnlack. das war
mein geplanter zug. den versuch am hellichten vormittag so etwas wie
sportliche leistung zu zeigen unterließ ich angesichts der noch
zu bewältigenden 800 meter zuzüglich bahnsteigunterführung
und beschränkte mich darauf die eisenbahn optisch zu genießen.
das hat seine guten seiten, denn nun hatte ich eine gute halbe stunde
zeit mich ausgiebig mit dem preisgefüge der bahn mittels des
vorhandenen fahrkartenautomates zu beschäftigen, nebenbei fuhren
noch 3 oder 4 züge durch mit 101 und 152 bespannt. nach fahrplanlage
konnte ich den nächsten regionalexpress nehmen, den ich allerdings
in gemünden/main gegen eine regionalbahn tauschen werden mußte
da thüngersheim eine der milchkannen entlang der strecke ist.
pünktlich, wie schon zuvor bemerkt lief sie ein die regionalbahn.
fünfteilig, meine ich, bestehend aus einer geschobenen puma-garnitur
mit einer gebleichten kieselgrau/orangenen s-bahn 111 am ende. die
wagen im inneren schick, hell und freundlich, man glaubt nicht, daß
sie bei der pfa weiden aus alten wagen entanden sind. leider werden
diese züge nicht so weitergebaut und so sie sind nur in nordbayern
anzutreffen.
die fahrt verlief reibungslos und in gemünden verließ ich
den zug, vom zugbegleiter informiert, daß die regionalbahn 2
gleise weiter auf gleis 9 abfahre. im fußgängertunnel verifizierte
ich diese auskunft. abfahrt 11:08 gleis 9.
also betrat ich diesen bahnsteig: er war etwa 4 meter breit, im gegensatz
zu allen anderen nicht überdacht, zwischen den schwellen und
sproß das kraut und, obwohl die geplante abfahrt in gut 10 minuten
stattfinden sollte, war weit und breit kein zug zu sehen. anzumerken
ist, daß diese regionalbahn ausschließlich die relation
würzburg-gemünden und zurück inklusive aller milchkannen
bedient. auf den anderen bahnsteiggleisen herrschte betriebsamkeit,
"gemünden main, eingefahrener regionalexpress aus würzburg
zur weiterfahrt nach frankfurt. ihre nächsten verbindungen: regionalexpress
nach jossa an gleis zwo abfahrt soundsovieluhr, regionalbahn nach
bad kissingen an gleis eins, abfahrt soundsoviel uhr". so ging
das ständig zu. die leute der anderen züge wurden begrüßt
und informiert. mir fiel ein, daß die ansagerin bei einfahrt
meines zuges lediglich sagte "gemünden/main". nix regionalbahn
nach würzburg, nix 11:08, nix von gleis 9. ich ging also zurück
in die unterführung zum fahrplan, jetzt hieß es außer
gleis und abfahrtszeit auch noch das gültigkeitsjahr des planes
zu prüfen. das ambiente sprach durchaus dafür, da§ es sich
auch um einen fahrplan von 1999 handeln könnte. nein, nix von
wegen antik, top aktuell.
also wieder rauf auf den bahnsteig. nachdem ich ohnehin weit und breit
auf weiter flur war, machte ich es mir richtig gemütlich, lehnte
mich an der treppenüberdachung an und zündete mir eine zigarette
an. nun verließen alle züge nach und nach den bahnhof und
ich hatte zeit die wenig befahrenen schienen des gleis 9 näher
zu studieren. ein nettes kleines fast-biotop, nebenan eine endlose
schlange 2 achsiger E-wagen, die so aussahen als hätten sie sich
ebenfalls auf einen längeren aufenthalt eingestellt. ich war
in bester gesellschaft, lies meine blicke schweifen und verabschiedete
innerlich von all den terminen meines geplanten arbeitstages.
ich war entspannt und die ruhe selbst, als sich am horizont der gleise
richtung würzburg und schweinfurt ganz klein die ozeanblau/beige
silhouette einer einheits-elok abzeichnete. fast schon selten sind
sie hier in der gegend geworden die 110er, 140er, 150er und vor allem
die 141. ich kann mich garnicht mehr erinnern wann ich die letzte
mit ihrer knallenden schützensteuerung, derer wegen sie dereinst
aus dem nürnberger s-bahnverkehr abgezogen werden mußten,
gesehen und gehört hatte. einzig die bügelfalten 110er in
verkehrsrot und mit wendezugsteuerung laufen noch ab und an im regionalbahnverkehr.
die einst so stolzen dunkelblauen renner.
derweil meine gedanken kreisten kam der blaubeige kasten langsam und
ganz allmählich näher und siehe da, es zeichneten sich personenwagen
dahinter ab. ob wohl doch noch der zug kommt? in der tat die gemächliche
fuhre machte anstalten sich ins gleis neun zu bewegen. ganz langsam
rollte die garnitur auf mich zu und blieb schließlich mit der
lok direkt vor meinen füßen stehen. und da war sie, eine
richtige echte 141 vom betriebshof nürnberg. fast schon klassisch
in ihrem angejahrten lack.
der zug bleibt stehen. keine tür geht auf. keine ansage, kein
"gemünden/main" kein anschlußzug, keine bahnsteignummer.
der einzige ton ist das "ppfffff" vom abbügeln der
lok. aha. nun steigt doch ganz hinten noch eine frau aus und entschwindet.
der zug der verlorenen seelen? nach einiger zeit geht die führerstandstür
auf und der lokführer, ebenso klassisch im grauen arbeitsmantel
gekleidet, steigt herunter und beginnt die lok abzukuppeln. ich gehe
auf ihn zu, begrü§e ihn, begeisterung springt aus seinem gesicht.
"sie fahren doch jetzt gleich wieder nach würzburg?"
wir waren bereits gut 10 minuten hinter plan. "des dauerd aba
noch" - "ist der steuerwagen defekt" - "nä,
die kann nid schieb" - "sieht man aber nicht mehr oft hier
die 141er" - "des is blos ä ausnahm heud" an weiterreichende
konversation war nicht zu denken, der mann strahlte absolute begeisterung
am beruf aus, zumal die steuerkabel auch noch in den steckdosen des
ersten wagen hakelten. ich beließ es beim zuschauen.
klackaklackaklack, die zuvor wieder aufgebügelte lok verschwindet
zum umsetzmanöver. derweil entsteigt doch tatsächlich noch
ein zugbegleiter der garnitur. wirklich, service wird groß geschrieben.
der einzige fahrgast hatte vier verkehrsrote redesign-silberlinge,
einen persönlichen schaffner und einen persönlichen lokführer.
ganz so gut wird es mir nicht gehen denn mittlerweile standen noch
eine dame und ein herr auf dem bahnsteig. die blauen stoffhosen, die
gemächlichkeit und die vom wind herübergewehten gesprächsfetzen
sprachen dafür, da§ es sich um mitarbeiter des unternehmens zukunft
handelt. sie kamen ins gespräch mit dem gewichtigen schaffner
der mit rollenden augen wichtiges kundzutun hatte. die falsche lok
hätten sie ihnen gegeben, die deppen. und obwohl er am telefon
reklamiert habe, müßten sie sich nun den ganzen tag mit
der scheiß garnitur rumärgern. alle halbe stunde die lok
umsetzen und bremsprobe machen und jedes mal wieder mehr verspätung
drauf. das tempo des umsetzmanövers sprach bände.
irgendwann stand die lok wieder am zug und war dann auch irgendwann
wieder mit ihm gekuppelt und irgendwann war auch noch die bremsprobe
vollzogen. so kommetarlos wie er eingefahren war in gemünden/main
so kommentarlos verließ er gemünden/main auch wieder mit
25 minuten verspätung. ganz offensichtlich war es der traumzug
des tages, völlig losgelöst von zeit und raum in seiner
eigenen welt, seinem eigenen fahrplan, ereignisgesteuert sozusagen.
eines stück weges hatte er mich mit in seine welt hineingezogen.
mittels mobiltelefon hatte ich mich längst von allen irdischen
verpflichtungen abgemeldet, denn erstens kommt es anders und zweitens
als man denkt.
schön, daß es sie noch gibt, die gute alte bayrische eisenbahn.
"sanns ned ungeduidig, werd scho kimma!"
so war das, neulich am gleis neun. |

111 171-5 mit Regionalexpress Würzburg - Frankfurt
in Partenstein am 3.4.2002 |
photos & text:
sulka.de
©2002, 2005 sulka.de für
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